Antidepressiva (SSRI/SNRI): Indikation und Dosierung
Hintergrund
Die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva ist ein zentraler Baustein in der Behandlung der Major Depression (MDD). Bei adäquater Behandlung können 70 bis 80 Prozent der Betroffenen eine signifikante Reduktion ihrer Symptome erreichen.
Neben der klassischen Depression sind viele Antidepressiva auch für andere psychiatrische Erkrankungen zugelassen. Dazu zählen unter anderem Zwangsstörungen, soziale Phobien, generalisierte Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen.
Der primäre Wirkmechanismus der meisten Antidepressiva beruht auf der Erhöhung der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin im synaptischen Spalt. Dieser initiale Anstieg führt langfristig zu einer erhöhten Expression von neuroprotektiven Proteinen wie dem Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF), was die Neuroplastizität fördert und zur Remission beiträgt.
Empfehlungen
Die StatPearls-Zusammenfassung formuliert folgende Kernaspekte zur Therapie mit Antidepressiva:
Wirkstoffauswahl und Indikation
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Sertralin und Escitalopram werden als Mittel der ersten Wahl bei unipolarer schwerer Depression genannt, da sie eine gute Wirksamkeit bei minimalen Nebenwirkungen aufweisen.
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Bei therapieresistenter Depression (fehlendes Ansprechen auf mindestens zwei Antidepressiva) wird eine Augmentation mit einem weiteren Antidepressivum oder einem atypischen Antipsychotikum empfohlen.
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Die Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie wird als wirksamer eingestuft als eine alleinige medikamentöse Behandlung.
Therapieumstellung
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Beim Wechsel zwischen Antidepressiva wird eine Auswaschphase von 2 bis 5 Halbwertszeiten (meist 2 bis 5 Tage) empfohlen.
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Dies gilt als die sicherste Strategie, um gefährliche Wechselwirkungen zwischen dem abgesetzten und dem neuen Medikament zu vermeiden.
Monitoring
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Die Leitlinie empfiehlt die regelmäßige Überwachung der Symptomatik mittels validierter Skalen wie dem PHQ-9, HDRS-17 oder MADRS.
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Ein therapeutisches Drug-Monitoring (TDM) wird insbesondere bei therapieresistenten Verläufen, starken Nebenwirkungen oder vermuteter Non-Compliance als nützlich erachtet.
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Bei jedem Besuch sollte auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen, begleitende Angststörungen und vor allem auf suizidale Ideationen geachtet werden.
Management von Überdosierungen
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Bei SSRI-Überdosierungen mit verlängertem QRS-Komplex wird die Gabe von Natriumbicarbonat empfohlen.
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Bei einer QTc-Verlängerung, die zu Torsades de pointes führt, wird die intravenöse Verabreichung von 2 g Magnesiumsulfat empfohlen.
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Ein Serotonin-Syndrom erfordert laut Leitlinie eine supportive Therapie mit intravenösen Flüssigkeiten, Benzodiazepinen und gegebenenfalls dem Antidot Cyproheptadin.
Dosierung
Die Leitlinie gibt folgende übliche Start- und Erhaltungsdosierungen für die orale Therapie bei Erwachsenen an:
| Wirkstoffklasse | Medikament | Startdosis (täglich) | Erhaltungsdosis (täglich) |
|---|---|---|---|
| SSRI | Citalopram | 20 mg | 20-40 mg |
| SSRI | Escitalopram | 5-10 mg | 10-20 mg |
| SSRI | Paroxetin | 20 mg | 20-40 mg |
| SSRI | Sertralin | 50 mg | 100-200 mg |
| SSRI | Fluoxetin | 20 mg | 20-60 mg |
| SSRI | Fluvoxamin | 50 mg | 50-200 mg |
| SNRI | Venlafaxin | 75 mg | 225-375 mg |
| SNRI | Desvenlafaxin | 25-50 mg | 50 mg |
| SNRI | Duloxetin | 30 mg | 60 mg |
| Atypische Antidepressiva | Bupropion | 150 mg | 300 mg |
| Atypische Antidepressiva | Mirtazapin | 15 mg | 15-45 mg |
| Serotonin-Modulatoren | Trazodon | 150 mg | 200-400 mg |
| Trizyklische Antidepressiva | Amitriptylin | 50 mg | 100-200 mg |
| Trizyklische Antidepressiva | Desipramin | 100 mg | 100-300 mg |
| MAO-Hemmer | Phenelzin | 45 mg | 60-90 mg |
Die Tagesgesamtdosis muss je nach Wirkstoff und Komorbiditäten gegebenenfalls auf zwei oder drei Einzeldosen aufgeteilt werden.
Kontraindikationen
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SSRI und SNRI dürfen nicht mit MAO-Hemmern oder trizyklischen Antidepressiva kombiniert werden, da ein hohes Risiko für ein lebensbedrohliches Serotonin-Syndrom besteht.
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Trizyklische Antidepressiva erfordern besondere Vorsicht bei kardiovaskulären Erkrankungen aufgrund des Risikos für orthostatische Hypotension und Herzblöcke.
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Bupropion ist bei aktiven Anfallsleiden, in der Vorgeschichte aufgetretenen Krampfanfällen sowie bei Bulimie oder Anorexia nervosa streng kontraindiziert.
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Nefazodon darf bei vorausgegangenen medikamenteninduzierten Leberschäden nicht eingesetzt werden.
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Black-Box-Warnung (FDA): Antidepressiva erhöhen das Risiko für suizidale Gedanken und Verhaltensweisen bei pädiatrischen und jungen erwachsenen Personen. Eine engmaschige Überwachung wird dringend empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie weisen trizyklische Antidepressiva und MAO-Hemmer im Falle einer Überdosierung die höchste Toxizität auf, während SSRI als vergleichsweise sicher gelten. Es wird besonders darauf hingewiesen, dass bei einer Überdosierung mit trizyklischen Antidepressiva ein QRS-Intervall von über 100 Millisekunden ein zuverlässiger Prädiktor für schwere Komplikationen ist und eine sofortige Intervention mit Natriumbicarbonat erfordert.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie nennt Sertralin und Escitalopram als Mittel der ersten Wahl. Dies wird mit ihrer guten Wirksamkeit bei gleichzeitig minimalen Nebenwirkungen im Vergleich zu anderen Wirkstoffen begründet.
Es wird eine Auswaschphase von 2 bis 5 Halbwertszeiten empfohlen. In der klinischen Praxis entspricht dies meist einem Zeitraum von 2 bis 5 Tagen, um Wechselwirkungen zu vermeiden.
Eine therapieresistente Depression liegt vor, wenn die Erkrankung auf mindestens zwei aufeinanderfolgende Antidepressiva in einer einzelnen Episode nicht ausreichend anspricht. In diesem Fall wird eine Augmentationstherapie empfohlen.
Als spezifische Nebenwirkung und Kontraindikation von Bupropion wird ein erhöhtes Risiko für Krampfanfälle genannt. Daher darf das Medikament bei bekannten Anfallsleiden nicht eingesetzt werden.
Die Behandlung erfolgt primär supportiv durch die Sicherung der Vitalfunktionen, intravenöse Flüssigkeitsgabe und Benzodiazepine. Bei schweren Verläufen wird die Gabe des Antidots Cyproheptadin empfohlen.
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Quelle: StatPearls: Antidepressants (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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